Blumengraffiti

Blumen Graffiti nenne ich meine Markierungen mit heimischen Wildblumen im öffentlichen Raum der Stadt. Durch Säen um Alleebäume, Brachnischen und Bahnborde schaffe ich florale Interventionen seit 1984

Die Stadt der Zukunft ist grün

07.11.2018 | Blumengraffiti | Presse

1980er Jahre: Als Maurice Maggi in Zürich heimlich Blumen aussäte, kannte noch niemand das Wort Guerilla Gardening. Bis heute ist der 63-jährige gelernte Landschaftsgärtner und Koch in Sachen urbanes Gärtnern unterwegs. Mit seinen Aktionen trägt er zu einem farbigeren Stadtbild bei.

https://www.srf.ch/sendungen/hoerpunkt/die-stadt-der-zukunft-ist-gruen-vom-kampf-gegen-die-betonwueste?fbclid=IwAR2KwAzb_yA2-xort4b8LlPGUL8ptYMQPlEU3ywGY9ttbKaGYouqYygMkTg

Cook&Talk

31.10.2018 | Blumengraffiti | Guerilla Gardening

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Cook & Talk

mit Maurice Maggi

Freitag, 30. November, 17.00 Uhr

Eine thematische Führung durch die aktuelle Aus­ stellung Balthus gibt Einblick in die unterschiedlichen Einflüsse auf den Künstler und sein Werk. Beim an­ schliessenden gemeinsamen Kochen und Essen mit dem erfahrenen Zürcher Koch und Landschaftsgärtner Maurice Maggi entstehen Gespräche über überra­ schende Kombinationen in Kunst und Küche.

Menü:
Japanische Miso Suppe
Polnische Ceviche mit Randen und Ziegenkäse Dazu Beaujolais nouveau

Preis CHF 15.–, zzgl. Museumseintritt, Führung und Menü sind im Preis enthalten

FONDATION BEYELER

Baselstrasse 101, CH-4125 Riehen/Basel fondationbeyeler.ch, shop.fondationbeyeler.ch 

     
Cook&Talk Fondation Beyeler

Ernesto Neto im HB Zürich

29.06.2018 | Blumengraffiti | Guerilla Gardening

 

FONDATION BEYELER im Hauptbahnhof Zürich 30.6. -29.7. 2018

 

ERNESTO NETO "GAIA MOTHER TREE"


 

18.07.2018 

19–20 UHR

FLOWER GRAFITTI: LESUNG MIT MAURICE MAGGI (ZÜRICH HAUPTBAHNHOF)

Der Schweizer Landschaftsgärtner und Koch Maurice Maggi spricht über seine Projekte im öffentlichen Raum, die in Verbindung von Natur zu Mensch stehen. 

Einige seiner Projekte waren die 1984 entstanden Blumen Graffiti im öffentlichen Raum der Stadt Zürich, 2008 das Basis Lager Binz, 2012 ein essbares Siedlungskonzept in Zürich, Grünplanungskonzepte in verschieden Städten sowie dem 1994 erstandene Kochbuch «essbarer Stadt». Die Teilnahme ist kostenlos.

GAIA MOTHER TREE ERNESTO NETO

Mittwoch 18. Juli 2018

Es ist mir eine grosse Ehre hier einen Abend bestreiten zu dürfen. In meinem Referat möchte ich Bezug nehmen auf den Gaia Mother Tree von Ernesto Neto. Ernesto Neto und ich haben die gleiche Message: Ehre und achte die Natur und fördere sie. Gaia, die Urgöttin, entstand aus dem Chaos, was mir sehr sympathisch ist. Als Urmutter personifiziert sie die Erde. Der Mutterbaum symbolisiert die Urkraft von Gedeihen und Wachsen. Eindrücklich füllt er hier im Hauptbahnhof Zürich als Installation diese riesige Halle. Als ich an der Vernissage zum ersten Mal davor stand fühlte ich diese Urkraft. Sie ist feinstofflich und schwebend, fast wie ein Traumwesen, unfassbar und doch so dominant. Ein Hauch von Natur, Sinnlichkeit und Schönheit verzaubert diesen sehr unruhigen und hektischen Ort und verwandelt ihn in einen Ort der Besinnung. Lässt uns fast schon in Trance fallen und betört uns durch die feinen Düfte, die mit jeder Luftströmung kommen und sich gleich wieder verflüchtigen. Die Verzauberung wirkt. Viele Passantinnen und Passanten halten inne, bleiben staunend stehen, wenn auch nur für einige Augenblicke. Es genügt, die Menschen wurden erreicht. Kunst ist Gute Kunst, wenn sie die Menschen berührt und zum Denken und Hinterfragen anregt.

Für mich ist der Gaia Mother Tree ein grosses Kunstwerk. Er verändert die Halle, macht sie sakral und besinnlich, und dies nur mit verknüpften Stofffetzen. Ich war skeptisch, als ich im Vorfeld von der Idee hörte. Ob so etwas im Hauptbahnhof funktionieren kann? Doch als Ernesto Neto an der Vernissage die Geister der Natur besang, geschah etwas mit dem Ort: Der Gesang hauchte ihm Leben ein. Die kurze aber intensive Begegnung mit Ernesto am Eröffnungsabend war für mich wie ein Treffen mit einem alten Freund, einem Seelenverwandten. Er kannte meine Geschichte und stellte mir die mit Erde gefüllten 20 Säcke zur freien Gestaltung zur Verfügung. „IT IS YOURS, MAKE WATH YOU WANT“ Also säte ich in ihnen Kresse, Erbsen, Bohnen und Sonnenblumen an. Die Samen keimten schnell und kräftig. Schon am folgenden Samstag hörte ich von der Fondation Beyeler, das Giessen liesse die Säcke vermodern. Dadurch würden sie ihren Sinn, als Gewichte der Konstruktion zu dienen, verlieren. So wurde die keimende Saat und die schon gewachsenen Sprösslinge aus Sicherheit entfernt und mir mein Duett mit dem Kunstwerk genommen. Gerne hätte ich euch heute gezeigt wie Pflanzen aus dem Kunstwerk wachsen. Doch es durfte nicht sein.

Mein Erlebnis mit dem Kunstwerk in der Bahnhofshalle hat mich zum Sinnieren angeregt. Was wuchs einst hier an diesem Ort, bevor 1847 der Bahnhof gebaut wurde? Wie sah die ursprüngliche Vegetation hier aus?

Sumpf muss es wohl gewesen sein zwischen Schanzengraben, Sihl und Limmat. Vielleicht auch eine Auenlandschaft. Später genutzt als Bürgergärten und Schiessplatz. Mit dem Bau des Bahnhofs verschwand auch die Pflanzenwelt am Ort bis auf ein paar wenige Kräuter im Gleisfeld. Nun lebt hier die Natur wieder auf und berührt uns, wie eh und je, trotz ihrer Künstlichkeit und gibt uns physische und psychische Nahrung.

Meine Street-Art Sind wohl meine Blumen-Graffiti mit denen ich den öffentlichen Raum von Zürich seit über 30 Jahren bespiele der Grund dafür, dass ich diese Einladung für ein Referat erhalten haben? Subtil und poetisch brach ich die Stadt auf, von den Nischen heraus veränderte ich sie. Meine florale Anarchie weichte Ordnung und Reinlichkeit auf, und Wildnis stand plötzlich inmitten der sterilen Versiegelungen. Dies liess uns Räume wahrnehmen, die bis anhin nicht existent waren. Blumen stehen für Liebe, Schönheit und Freiheit und finden so schnell Gefallen bei den meisten Menschen. Dank dieser „schönen Verpackung“ waren meine Aktionen und Proteste erfolgreich und fanden grosse Beachtung in der Öffentlichkeit. Wenn etwas attraktiv und gefällig ist, wird es wahrgenommen und angenommen. Meine Hunderten von kleinsten Biotopen gaben und geben allen Menschen die Chance, Blumeninseln zu entdecken und ihnen einmal zu begegnen.

Die Kraft des Keimens und des Wachsens ist die Faszination der Natur. Sich Lebensbedingungen und Lebensraum selber schaffen ist eine Urkraft für mich. Still und klandestin versuche ich die Natur zu fördern und nachzuahmen. Die Farben und Formen sättigen die Augen, der Duft erfüllt unsere Nasen, setzt sich dann tief im Gehirn fest und die Melodie der Schönheit dringt ins Herz, der Geist hinterfragt und lässt uns nachdenken. Auch ganz kleines kann grosse Dinge bewegen, dies ist auch meine Zuversicht.

Für das Zusammenleben in einer respektvollen und toleranten Gesellschaft bräuchte es nur eine einzige Regel: Dem Anspruch des Schwächeren auf Recht Vorrang zu geben. Würde unser Alltag nach diesem Prinzip funktionieren, gäbe es keine Ausnützung und Unterdrückung mehr. Ich stelle Verdrängtes und Schwaches ins Zentrum umgeben von Dominanz, dies überrascht und befremdet zugleich. Dadurch geschieht mit den Betrachtenden etwas, auch wenn es nur der kleine Anspruch auf kollektives Eigentum ist. Diese Absicht fehlt dem öffentlichen Raum heute. Noch dominieren alte Zöpfe der Nachkriegsgeneration. Private Mobilität als Zeichen von Wohlstand und Ansehen sollte nun endlich als altmodisch gelten. Parkplätze gehören zum Privat-Verkehr, auch wenn hier nur stillgestanden wird. Sie nehmen raren Raum in Anspruch, obwohl die Flächen für Besseres genutzt werden könnten.

Wir wollen und müssen unseren Lebensraum verdichten. Den Radius unserer Aktivitäten verkleinern. Zürich sagte vor zehn Jahren Ja zur 2000-Watt-Gesellschaft. Wo stehen wir heute? Ausser bei den Minergie-Häusern sind wir in allem noch meilenweit vom Ziel entfernt. Flug-Reisen, Nahrungsmittelindustrie, Irrsinn von Verpackungen; wir verschleudern unsere Ressourcen mit beiden Händen. Wir sollten zurückfinden zum Leben in Fussdistanz. Mehr Respekt zeigen und Rücksicht nehmen würde schon viel helfen. Sorgsam und Achtsam sind die Tugenden für‘s Zusammenleben.

Teilen lernen, ob dies nun durch das gemeinsame Essen, das Fern sehen oder die Benutzung der Aussenräume stattfindet ist nicht wichtig. Denn es kann ja nicht unser Lebensziel sein, alles besitzen zu wollen und es dann doch nicht zu gebrauchen. Teilen würde viel vereinfachen, macht auch mehr Spass und fördert soziale Kontakte. Ob es nun der Mixer, das Auto oder der Staubsauger ist, teilen können wir vieles und die Entsorgungsmenge würde rapid abnehmen. Die vergangene Woche mit der Fussball-WM zeigte wieder einmal mehr, dass geteilte Freude doppelte Freude ist.

Auch müssten wir unserer Nahrung vermehrt vor Ort produzieren, wie das vor der grossen Eingemeindung 1934 schon war. Da lieferten die Bauern der umliegenden Dörfer ihre Produkte in die Stadt, danach gehörten sie selber zur Stadt und brachten ihre Hof-Produkte an die Wochenmärkte z.B. nach Oerlikon. Oder als während des Krieges die „Anbauschlacht“ nach dem Wahlen-Plan den Sechseläutenplatz zum Kartoffelacker umfunktionierte. Hühner und Schweine wären ideale Stadtbewohner. Obstbäume und Nussbäume könnten die Quartierstrassen säumen. Ganz zu schweigen von den Reben, die erneut in den Quartieren gepflegt werden. Mehr essbare Wildpflanzen in Pärken und Schulanlagen. Spaliere und Pergolen passen gut an die Häuser und überdecken die Trottoires. Nutzen und Schönheit in einem und nebenbei ergeben sich intime öffentliche Räume. Da stockt es in Zürich trotz Rot-Grüner Regierung arg. Natur, so scheint es mir, muss immer noch gebändigt werden und darf nur kontrolliert wachsen. Reformierte Ordnung geht vor Lebensqualität und Wohlbefinden: Wir steuern mutlos in die totale Verödung und architektonische Gleichmacherei hinein, wie man an der Europa-Allee sehen und erleben kann. Eine moderne urbane Stadt ist grün, mit vielen Nischen und Freiräumen. Diese können sich stetig und schnell den neuen Bedürfnissen anpassen. Darum würde ich gerne die Stadionbrache im Hardturm unter Denkmalschutz stellen. Sie sollte als Zeitzeuge und Symbol unserer Gesellschaft anfangs des 21.Jahrhunderts erhalten bleiben. Die Schlachthofhalle, die Bernoulli-Häuser und das Grossmünster sind auch geschützte Zeitzeugen.

In einer urbanen modernen Stadt wie Zürich müssen mehr Plätze entstehen für die Stadtnatur. Dies bedeutet Nistplätze und Lebensräume überall dort schaffen, wo es möglich ist. Stadtnatur vernetzen und alle unnötigen Versiegelungen aufbrechen und begrünen. Dächer und Fassaden haben ungenutztes Potenzial für unendliches Grünvolumen. Nur weil es noch nicht in den Köpfen von StadtplanerInnen angekommen ist und das äussere Erscheinungsbild von Architektur sich vielfach nicht mit der Lebensqualität deckt, darf da nichts wachsen. Bei den verantwortlichen Ämtern ist Mehraufwand immer noch ein geltendes Argument. Würde wir so kochen und essen, ohne Mehraufwand, gäbe es nur Brot ohne Butter darauf. Eine Gesellschaft, die alle niederschwelligen Arbeiten wegrationalisiert mit dem Argument „zu pflegeintensiv“, ist krank. Schönheit und Stil brauchen Hingabe und Arbeit.

In vielen neuen Stadtteilen wirken die LandschaftsarchitektInnen nur noch als Versiegelungsdekorateure. Leblos und unlesbar ist ihre planerische Gestaltung und hilflos steril ihre Ergebnisse. Erst wird alles versiegelt, darf aber nicht befahren werden. Das muss dann mit Betonklötzen gesichert werden. Irrwitzig und unverständlich.

Wie unsere Haltung vor Jahrzehnten in Bezug auf Zootiere war, unreflektiert und menschenzentriert, verhalten wir uns heute bei der Wahl des nicht artgerechten und monotonen Grüns. Es zeugt vom Machtgehabe des Menschen gegenüber dem Kreatürlichen, das abhängig ist von ihm. Im Boden gepflanzt hätten die Pflanzen ihre Lebensautonomie, so aber nicht. Wenn immer es möglich ist, müssen Pflanzen in die Erde. Mobiles Grün in Alucontainern sind keine Lösungen, auch nicht zur Not. Qualität von Leben bedeutet: Freiräume, Nischen und Vielartigkeit.

Es bräuchte sehr wenig, um in der Stadt die Lebensqualität zu verbessern. Klima, Temperatur und Luftqualität ändern sich schnell, würden wir mehr drauf achten. Eine zwei Meter hohe Sonnenblume hat die photosynthetische Aktivität um aus 100m3 Luft das CO2 zu binden. Es bräuchte wenig Platz für eine Sonnenblume, einen kleinen Fleck Erde von 10x10cm genügten dafür. Natur funktioniert auch auf kleinstem Raum.

Den öffentlichen Raum bespielen und umgestalten, wenn auch nur temporär, macht dieses Werk von Ernesto Neto so interessant und wichtig. Ich glaube, viele von uns werden noch lange ein Bild in uns tragen, eine tiefe Erinnerung, die immer wieder neu erwachen kann.

Die Geister anrufen, nicht nur mit Gesang/Gebet, wie an der Vernissage, sondern die eigene Wahrnehmung schärfen und merken, dass die Geister ja schon lange da sind und den Raum verändern, fein, leise und unaufhaltsam wie die Natur es tut.

Dem habe ich mich verpflichtet, dafür will ich kämpfen. Schön, dass der Zeitgeist gleich tickt, von dieser Hoffnung zehre ich. Danke für eure Aufmerksamkeit und tragt die Natur immer in euren Herzen. Gebt der Natur den Vortritt, schafft Voraussetzungen, damit sie sich entfalten kann. Schützt Freiräume und fordert sie ein!

     
Gaia Mother Tree Ernesto Neto

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