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BLICK Garten

1.3.2019

Blumen sind sein Graffiti

Sprayer kämpfen mit der Sprühdose gegen das Grau in Grau der Städte. Maurice Maggi (64) sät in Eigenregie Blumen. Der Zürcher Guerilla-Gärtner über seine bunte Passion.

Interview Cilgia Grass
Fotos Philippe Rossier

Wie viele Kilogramm Samen haben Sie in den 36 Jahren Ihres Tuns ausgesät?

Ich habe es nie ausgerechnet, aber ich schätze, es dürften um die 200 Kilogramm sein – wenn nicht mehr. Pro Quadratmeter braucht man ungefähr 4 Gramm.

Müssen Sie die Samen kaufen?

Teils schaue ich, wo die von mir gesetzten Blumen gewachsen sind und sammle dann deren Samen ein. Teils schicken mir Leute, die von meinen Projekten gehört haben, Samen ihrer Lieblingspflanzen. Und dann kaufe ich immer auch noch Samen dazu.

Also kostet Sie Ihre Leidenschaft auch einiges?

Ich sage immer: Es ist wie bei einem Maler. Der muss auch Farben besorgen, damit er seine Bilder malen kann. Über all die Jahre hätte es wohl einen Kleinwagen gegeben für all die Samen.

Worin liegt für Sie beim Aussäen denn der Reiz?

Blumen gefallen den meisten Menschen. Wenn sie an einem Ort wachsen, an dem sie überraschend und ungewohnt sind, dann fallen sie auf. Man freut sich erst und fragt sich dann: Wieso wachsen die hier? Brauchen die denn nicht bessere Bedingungen? So kann ich Leute an das heranführen, auf das ich gerne aufmerksam machen möchte.

Bekannt wurden Sie durch Ihre Malven. Warum haben die es Ihnen angetan?

Anfangs der 80er-Jahre hatte ich den Auftrag, einer älteren Frau, die in einer Villa mit Swimmingpool lebte, den verwilderten Garten instand zu stellen. Alles war voller Malven. Sogar zwischen den Plättchen im Swimmingpool wucherten sie. Da wusste ich: Die sind ideal für mich. Diese Samen waren mein Startkapital. Kommt dazu, dass Malven sommerresistent sind und sehr lange blühen. Und sie blühen auf Augenhöhe. Das heisst sie werden auch von denen gesehen, die sonst nicht schauen, was sich am Boden tut. Denen «klöpfen» die Farben ins Gesicht.

Inzwischen gibt es Leute, die Sie nachahmen.

Das ist doch toll. Es ist schön, wenn das so eine Breitenwirkung bekommt. Ich staune, dass das Thema nach all diesen Jahren immer noch so aktuell ist. Es hat in den letzten fünf, zehn Jahren natürlich viel Auftrieb bekommen.

Was sollte man beim Säen beachten?

Wenn man prinzipiell etwas falsch macht, dann wachsen die Samen nicht. Ich habe mich die letzten Jahren in meiner Mischung – die Malve ausgenommen – auf einheimische Wildblumen konzentriert, die auch der Biodiversität guttun. Ich arbeite dabei mit Leuten von FuturePlanter zusammen. Über deren Website erfährt man, wo in einem gewünschten Umkreis Wildbienen leben und weiss dann, was man dort aussäen muss, damit diese Nektar finden.

Sind Sie eigentlich nachts unterwegs?

Nein, am Tag. Die Pflanzen, die ich säe, sind Lichtkeimer, brauchen also Tageslicht. Die muss man nicht eingraben. Die lässt man einfach dort fallen, wo der Boden ein bisschen locker ist. Ich säe im Vorbeigehen. Es gab aber Stellen, die ich zuerst aufhacken musste, weil der Boden verdichtet war. Das habe ich dann eher in der Nacht gemacht. Vor allem an Orten, wo ich eigentlich nicht hindurfte.

Haben Sie auch mal Ärger bekommen?

In dem Sinn nicht, aber: Die Flächen gehören Grün Stadt Zürich. Und ich interveniere in denen. Es wird aber toleriert.

Welche internationalen Städte finden Sie bei der Begrünung vorbildlich?

Da gibt es drei: New York hat erkannt, dass die Mobilität der Untergang unserer Gesellschaft ist. Dort krempelt man gerade sehr viel um, weil man will, dass das Leben nur noch in Fussdistanz stattfindet. Deshalb entstehen viele Grünflächen zur Erholung, aber auch zum Anbau von Essbarem. Paris arbeitet nach dem gleichen Prinzip. Überall werden dort kleine Stadtparks gebaut. Und dann ist da noch Wien. Dort ist man sehr streng geworden und erteilt keine Baubewilligungen mehr für Bauten, die keine Dachgärten oder Fassadenbegrünung haben oder sich aufgrund von dunklen Fassaden sehr erwärmen.

Und in der Schweiz?

Basel macht es sehr gut und tut viel für die Biodiversität, Zürich eher nicht. Da ist man immer noch betongläubig und versiegelt alles, weil es bequemer ist. Bei einer Europaallee hat die Spontan-Vegetation keinen Platz. Das ist aber nicht mehr zeitgemäss.

Was planen Sie dieses Jahr?

Ich hatte der Stadt Zürich empfohlen, auf dem Kiesplatz, auf dem das Asylzentrum Fogo beim Bahnhof Altstetten steht, Samen zu säen und dann zu schauen, wo nichts wächst, weil sich dort Menschen bewegen. So hätte man deren Spuren nachverfolgen können. Obwohl wir uns in der Pflanzenwahl gefunden haben, konnte sich der Landschaftsarchitekt für die Idee jedoch nicht begeistern. Diesen Frühling will ich so ein Projekt realisieren.

Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil es sehr spannend ist zu sehen, wie die Natur Bereiche einnimmt, aber dort, wo sie von anderen benutzt wird, weicht. Das finde ich ein schönes Beispiel dafür, wie man Raum miteinander teilen kann, ohne dass man sich gegenseitig einschränkt.

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